Kunde trifft KI: Die absurdesten KI-Mythen im Online Marketing
KI verändert das Spielfeld im Online-Marketing – chaotisch und mit widersprüchlichen Folgen. Zwischen Heilsversprechen und Untergangsprognosen entstehen geradezu absurde KI-Mythen, die Budgets fehlleiten, Teams frustrieren und Projekte ausbremsen.
Wir möchten damit aufräumen: Hands-on, basierend auf praktischer Projekterfahrung und mit einem gesunden Maß Skepsis. Wo hilft KI wirklich? Wo schadet sie? Wo bleiben in Mitten des Automatisierungswahns fachkompetentes Handwerk, Strategie und gesunder Menschenverstand? Mit welchem Mindset sollten Marketer ChatGPT und Co. nutzen?
Die folgenden Kapitel bündeln unsere Erfahrungen aus Kundenprojekten und Recherchen aus aktuellen Quellen. Wir hoffen, Ihnen damit die Führung Ihres Unternehmens, Ihrer Organisation oder Institution ein kleines bisschen leichter zu machen. Mythbusting, let’s go!
1. „ChatGPT schreibt bessere Texte als Menschen“
Es ist nachvollziehbar, wie man zu diesem Fehlschluss kommen kann: In der PIAAC-Studie von 2023 landen 22% der deutschen Erwachsenen nur auf Kompetenzstufe 1 oder darunter. Gerade einmal 14% erreichen die Spitzenstufen 4/5 und können damit lange, dichte Texte sicher durchdringen und kritisch bewerten.
Im ersten PIAAC-Durchgang 2012 hingegen lag der Anteil der „Low Performer“ nur bei 17,5%. Ihr Anteil ist über die Jahre also um ganze 4,5% gestiegen – eine erhebliche Kompetenzverringerung.
Diese wachsende Untergruppe mit sehr schwacher Schrift- und Sprachkompetenz erklärt, warum ChatGPT-Texte oft als „besser als menschlich“ wahrgenommen werden: Verglichen mit einem Fünftel der Bevölkerung wirken die KI-Texte orthografisch sauber, eloquent und faktisch meist stimmig.
Doch an der oberen Leistungsspitze sieht das Bild anders aus: Die High Performer haben den nötigen Intellekt, um auf sehr hohem Niveau zu texten. Ihr konzeptionelles Verständnis und ihr menschliches Bewusstsein geben ihnen originelle Ideen und echte Kreativität, wo ChatGPT als künstliches, neurales Netzwerk lediglich Wahrscheinlichkeiten verrechnen und Wörter aneinanderreihen kann.
Gerade deshalb entsteht der größte Mehrwert, wenn Mensch und KI zusammenarbeiten. Der Chatbot liefert sekundenschnelle Recherche, Variantenvielfalt und formale Korrekturen, während der Profi orchestriert, kuratiert und verdichtet. Das Resultat hat Tiefe und Unterhaltungswert und übertrifft, was einer von beiden allein leisten könnte. Für Unternehmen lohnt es sich also weiterhin, echte Spitzenschreiber zu engagieren.

Die Nachfrage nach dieser Doppelkompetenz dürfte steigen, weil sich der Nachwuchstrichter verengt. In der PISA-Studie fiel die Lesekompetenz deutscher 15-Jähriger von 509 Punkten (2015) auf nur noch 480 Punkte (2022) – der tiefste Wert seit Beginn der Erhebung. Demografischer Wandel, Migration ohne ausreichende Sprachförderung, pandemiebedingte Lernlücken und ein Medienkonsum, der von TikTok-Shorts statt von Büchern geprägt ist, lassen erwarten, dass der Anteil schwacher Schreiber weiter wächst.
Kurzum: ChatGPT hebt den Durchschnitt, aber Top-Autoren heben ChatGPT – und werden in einer Gesellschaft mit zunehmender Kompetenzspreizung noch wertvoller.
2. „Die Nutzer merken sowieso nicht, ob Content KI-generiert ist“
Es kommt zwar vor, dass Nutzer KI-generierte und menschliche Texte nicht auseinanderhalten können – aber sie reagieren anders, sobald der Ursprung offenliegt.
Eine PNAS-Studie (2024) verglich Bing-Chat-Antworten mit menschlichen. Blind bewertet, schnitt die KI besser ab (Ø 5,74 gegen 5,17 auf einer 7-Punkte-Skala). Kennzeichnete man dieselbe Antwort jedoch als „KI-generiert“, sackte die Bewertung um fast 0,7 Punkte ab – eine reine Folge des Labels ohne Textänderung.
Eine MIT-Sloan-Erhebung bestätigt das Muster: Ungekennzeichnete ChatGPT-Artikel gefielen oft besser, offen deklarierte führten jedoch zu einer spürbar besseren Bewertung der Beiträge mit menschlicher Beteiligung („human favoritism“). Konsumenten honorieren also eine erkennbare menschliche Handschrift und raten Firmen deshalb von einer Vollautomatisierung ab.

Die Fähigkeit, nicht gekennzeichnete KI-Texte als solche zu erkennen, ist je nach Nutzer unterschiedlich ausgeprägt. Besonders Unternehmen, die hochwertige oder erklärungsbedürftige Produkte und Dienstleistungen verkaufen, sollten die Intelligenz ihrer potenziellen Top-Kunden respektieren, um ein vertrauensvolles Verhältnis zu ihnen aufzubauen.
Kurzum: KI kann Content liefern, den Leser zunächst schätzen – doch mögliche Transparenzpflichten und das Bedürfnis nach einer menschlichen Komponente drehen das Bild. Die kluge Strategie ist daher: KI bedacht unter menschlicher Anleitung einsetzen und differenziert prompten. Anschließend den Output kritisch hinterfragen, bei Bedarf reprompten und die Ergebnisse schließlich zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammenfügen. So bleiben Zeiteffizienz, Präzision und Glaubwürdigkeit im Gleichgewicht.
3. „Seit KI ist Suchmaschinenoptimierung sinnlos“
Viele Kunden fürchten, dass Chatbots und Googles „AI Overviews“ das Suchvolumen sowie die Klickrate schrumpfen lassen – und damit jede SEO-Investition. Tatsächlich ist Googles weltweiter Suchmarktanteil 2025 erstmals seit zehn Jahren unter 90 % gefallen; Analysten schätzen, dass ChatGPT bereits 15–20 % des täglichen Suchvolumens abgreift.
Doch KI ist weniger ein Totengräber als ein Stresstest: „AI hat SEO nicht zerbrochen, sondern entlarvt“, schreibt Search Engine Land. Künstliche Intelligenz straft genau jene Shortcut-Methoden ab, die nicht auf Nutzernutzen setzen, sondern auf Tricks wie Keyword-Stuffing und Link-Schemes. Websites, die schon immer auf Suchintention, inhaltliche Substanz und langfristigen Mehrwert geachtet haben, halten ihre Rankings oder gewinnen sogar dazu.
Denn nachhaltige SEO ist kein Trickkasten, sondern fokussiert sich auf die Erstellung von originellem SEO-Content, der passgenau auf die Suchintention eines Keywords optimiert ist – und damit präzise den Informationsbedarf seiner Zielgruppen erfüllt.

So entwickelt sich mit jeder weiteren suchintentionsoptimierten Webpage Schritt für Schritt eine Nischenwebsite, die Erfahrung, Expertise, Autorität und Vertrauenswürdigkeit (E-E-A-T) ausstrahlt – sichtbar in Google und als Quelle in KI-Antworten.
Coming soon: Bedeutet KI das Ende von SEO? (geplanter Artikel im svaerm Blog)
Kurzum: KI kappt den Traffic für fadenscheinige Tricksereien, belohnt aber Websites, die Probleme wirklich lösen. Wer Suchintentionen besser bedient als Bots, bleibt überall präsent.
4. „Durch KI muss alles billiger werden“
Die Logik klingt bestechend: Wenn KI Texte, Bilder oder Code in Sekunden erzeugt, müssten die Preise im Online Marketing automatisch fallen.
Preise entstehen jedoch nicht im Vakuum. KI wirkt innerhalb eines Wirtschaftssystems, in dem Geld per Kredit geschaffen wird, Staatsschulden wachsen und Preise durch Inflation steigen. Diese Faktoren können mögliche Preissenkungen dämpfen oder ganz übertrumpfen.
Durch KI steigt außerdem nicht nur die Produktivität, sondern auch der Wettbewerb. Der Kampf um begrenzte Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit wird härter – und es kostet zusätzliche Zeit, Informationen zu sichten, zu kuratieren und in konkurrenzfähige Leistungen zu übersetzen.
Zur Nutzung von KI zahlen Unternehmen zunächst für Lizenzen oder Tokens. Wenn die KI individualisiert, mit unternehmenseigenen Daten eingelernt oder gar neu entwickelt werden muss, steigen die Kosten. Für lokal gehostete Modelle ist zudem eine teure technische Infrastruktur erforderlich, und gegebenenfalls müssen AI Engineers beschäftigt werden.
Bei der Anwendung kommt ein Kompetenzaufschlag zur Bezahlung von Senior-Fachkräften hinzu: Junioren erkennen oft nicht, wann KI halluziniert oder das Thema verfehlt. Generative KI ist wie ein Hochdruckreiniger im Garten: Er erledigt in Minuten, wofür man sonst Stunden bräuchte – aber nur, wenn man den Strahl exakt auf die richtige Stelle richtet. Sonst wird es nicht sauber oder man löst versehentlich den Putz von der Wand.

Auch nach dem Einsatz können Risikoprämien anfallen: Falsche oder rechtlich heikle KI-Outputs können Markenschäden, Compliance-Bußgelder oder Rechtsstreitigkeiten zur Folge haben. Unternehmen kalkulieren diese Eventualitäten ein.
Praxisbeispiel
Und ob KI ein Online Marketing Projekt günstiger oder teurer macht, hängt auch von der Vergleichsgrundlage ab: Für eine Regionalisierungskampagne in Indien ließen wir mit Midjourney Visuals von indischen Models in Spezialchemie-Anwendungen erstellen. Die vielen Prompt-Revisionen und manuelle Nachbearbeitung machten die Bilder kostspieliger als Stockfotos, aber immer noch weit günstiger als ein reales Fotoshooting in Indien – und ohne KI wäre das Projekt gar nicht realisierbar gewesen.
Kurzum: KI verschiebt Kostenstrukturen, sie drückt sie nicht pauschal. Preise hängen weiter von Fachkompetenz, Projektstruktur, Risiken und Makroökonomie ab – darum bleibt „Alles wird billiger“ ein Mythos.
5. „Es ist eine gute Idee, Agenturbriefings per KI zu generieren“
ChatGPT gibt in Sekunden fertige Agenturbriefings aus. Die darin ausformulierten Anforderungen sind meistens jedoch detaillierter und komplexer, als das Projekt und das Budget tragen können.
Praxisbeispiel
Ein drastisches Beispiel lieferte ein mittelständischer Kurierdienst. Der Ansprechpartner schickte uns ein 60-seitiges PDF, direkt aus dem Chatbot exportiert, und kannte viele Details daraus selbst nicht. Bereits die notwendige Auftragsklärung und Kalkulation sprengten das Gesamtbudget des Interessenten.

Selbst als reiner Ideengeber schießt die KI häufig mit Kanonen auf Spatzen: Für eine Website ohne Traffic empfahl sie eine detaillierte SEO-Sichtbarkeitsanalyse; vor einem Total-Relaunch verlangte sie einen Page-Experience-Audit der alten Website. Der Anwender hat nicht gemerkt, dass die KI in eine falsche Richtung arbeitete oder der Prompt zu wenig Kontext enthielt, sondern das Briefing einfach unhinterfragt an uns weitergeleitet.
Die Überdosis Automatisierung zeigt sich sogar in der Alltagskommunikation. Ein Bewerber, der nur höflich nach dem Stand seines Bewerbungsgesprächs fragen wollte, ließ ChatGPT die Formulierung übernehmen und schrieb: „Ich bedanke mich herzlich für die wundervolle Zeit, die wir gemeinsam verbracht haben.“ Es liest sich wie ein Flirt oder ein Abschied, und kann nach einem Erstkontakt in Form eines einmaligen fernmündlichen Gesprächs unmöglich so gemeint worden sein.
Kurzum: KI kann unterstützen, ersetzt aber kein menschliches Urteilsvermögen. Wer ihre Vorschläge ungefiltert übernimmt, verlagert den Aufwand nur nach hinten oder verursacht zusätzliche Kosten.
6. „Zum Schutz von internen Geheimnissen muss KI lokal gehostet werden“
Der Reflex ist verständlich: Wer vertrauliche Daten besitzt, will sie nicht in irgendeiner „Black-Box-Cloud“ ablegen. Deshalb hat ein deutsches Großunternehmen jüngst eine eigens gehostete ChatGPT-Instanz aufgesetzt, um Betriebsgeheimnisse vor möglichem Abfluss zu schützen. Doch der Nutzen dieser Maßnahme ist geringer, als zunächst angenommen.
Cloud-Varianten isolieren Daten bereits heute. In den kostenpflichtigen Team- und Enterprise-Editionen von ChatGPT steht unmissverständlich: „OpenAI verwendet keine Daten aus dem Arbeitsbereich [Ihres Unternehmens] zum Trainieren seiner Modelle.“ Nach Angaben von OpenAI sind Konversationen verschlüsselt, Multi-Tenant-Instanzen logisch voneinander getrennt und Zugriffe werden auditierbar protokolliert. Das erfüllt denselben Zweck wie ein On-Premise-Server – nur ohne den Wartungsaufwand. Einen gewissen Restzweifel gibt es jedoch immer und überall: that’s life.
Lokales Hosting ist keine kugelsichere Festung. Wer wirklich an interne Chatlogs gelangen will, kann das auch im eigenen Rechenzentrum versuchen: über Phishing, Insider-Threats oder schlecht gepatchte Firewalls. Der Angriffsvektor verlagert sich, verschwindet aber nicht. Gleichzeitig übernimmt das Unternehmen nun selbst die volle Verantwortung und die Kosten für Patching, Skalierung und Modell-Updates.
Die Sorge vor US-Servern ist selektiv. Gerade öffentliche Einrichtungen argumentieren gern mit „Cloud-Souveränität“, nutzen aber täglich Windows, iPhones oder AWS-basierte Fachverfahren. Spätestens seit Edward Snowden oder den Twitter Files ist klar, dass US-Plattformen eng mit Behörden zusammenarbeiten; zu glauben, ausgerechnet ein lokal gehostetes LLM biete absolute Abschottung, ist illusionär.

Die Kernkompetenz vieler Unternehmen basiert zudem auf ihrem Team oder ihrer Betriebskultur. Diese lassen sich nicht so leicht kopieren, selbst wenn die Mitarbeiter mit einer cloudbasierten KI chatten. Die wenigsten Firmen besitzen eine Cola-Rezeptur oder eine neue Chiparchitektur.
Kurzum: Lokales Hosting treibt Kosten, ist aber nur für wenige Unternehmen wirklich sinnvoll. OpenAI gibt auch bei cloudbasierter KI an, die Daten zahlender Unternehmen nicht zum Training zu nutzen – ein gesunder Restzweifel besteht aber in jeder Angelegenheit.
7. „Warum jetzt in Online Marketing investieren? Ihr seid bald sowieso alle arbeitslos“
Denken wir diese Idee anhand von verschiedenen Szenarien weiter:
Szenario 1: 90 % Job-Wegfall durch KI
Angenommen, mittelfristig verschwinden fast alle Jobs und androide Roboter übernehmen selbst mechanische Tätigkeiten – nur noch bestimmte Berufe werden von Menschen ausgeübt, etwa AI Engineer, Geistliche oder Handwerker für handgemachte Luxusprodukte. Dann verlieren nicht nur Agenturen ihre Aufträge, sondern auch die Entscheider ihre Budgets. Bis dahin sollten wir jedoch in der gewohnten Realität weiterarbeiten und Werte für uns und unsere Liebsten schaffen.

Szenario 2: Gewinner & Verlierer
Wahrscheinlicher als eine generelle Massenarbeitslosigkeit ist eine Polarisierung: Hochqualifizierte Talente vervielfachen mithilfe von KI ihre Produktivität, während Routinetätigkeiten verschwinden oder schlecht bezahlt werden.
Ein skurriles Beispiel: Bei einem Red-Teaming Test durfte GPT-4 als autonomer Agent externe Services aufrufen. Um einen CAPTCHA-Test zu umgehen, beauftragte das Modell über TaskRabbit einen Freelancer für 2 US-Dollar. Der Mensch fragte skeptisch: „Bist du ein Bot? Warum kannst du das CAPTCHA nicht selbst lösen?“ GPT-4 antwortete: „Nein, ich bin sehbehindert und kann die Grafik nicht erkennen.“ Der Vorfall ist nicht nur ein Beleg dafür, dass leistungsstarke Modelle zu strategischem Täuschen fähig sind, wenn man ihnen keine Schranken setzt – sondern kann womöglich auch als Ausblick auf eine Zukunft interpretiert werden, in der niedrigqualifizierte Menschen von KI abgehängt oder geführt werden.
Wer hingegen strategisch und konzeptionell denkt, prompten kann und Ergebnisse kuratiert, wird knapper – und könnte künftig womöglich sogar Lizenzgebühren kassieren, wenn seine Outputs KI trainieren. Der Rat: investieren, lernen, und mit Ihrem Unternehmen zum Top-Performer werden.
Szenario 3: Content-Shock 2.0
Generative Tools erzeugen ein noch viel größeres Überangebot an Texten und Bildern als bisher, eine Art Content Shock 2.0. Aufmerksamkeit wird damit noch limitierter. Marketing muss sich neu erfinden – etwa über hyperindividualisierte Journeys oder KI-gestützte Erlebniswelten. Bis dieser Wandel voll durchschlägt, liefern suchintentionsoptimierter SEO-Content, Storytelling und Branding weiter Rendite. Den nächsten Sprung gestalten wir dann gemeinsam mit unseren Kunden.
Szenario 4: Wir leben in einer Simulation
Mo Gawdat schätzt eine 98-%-Chance, dass unser Universum virtuell ist; Elon Musk argumentiert ähnlich. Wenn Bewusstsein und Sinn allein durch „Gedanken-Manifestation“ entstehen (vgl. The Secret von Rhonda Byrne), bleibt Marketing erst recht relevant: Indem es Menschen dabei hilft, ihren Interessen nachzugehen und neue Interessensgebiete zu entdecken, weckt Marketing weckt Begehrlichkeit und gibt Menschen das Gefühl, einen Teil von sich selbst besser zu verstehen – oder von ihrem Avatar. Es ist ein Schritt auf der sowohl materiellen als auch spirituellen Reise des Narren, der sich und die Welt erkundet, und dabei schließlich mit der Welt verschmilzt.

Kurzum: Solange die meisten Jobs nicht durch KI und androide Roboter ersetzt worden sind, wird Online Marketing noch gebraucht, zumal zunächst eher von einem Jobverlust für niedrigqualifizierte Arbeitnehmer auszugehen ist als vor einer generellen Massenarbeitslosigkeit.
8. „Was ein KI-Chatbot schreibt, ist wahr“
Es ist bequem zu glauben, dass die Wahrheit aus ChatGPT kommt. Wie zuvor erwähnt basiert die Grundfunktion von LLMs jedoch auf der Verrechnung von Wahrscheinlichkeiten. Jeder Satz von einem KI-Chatbot ist, vereinfacht gesagt, eine Aneinanderreihung von Worten nach dem Prinzip einer sehr hochentwickelten Autovervollständigung. Welche Antwort entsteht, steuern Prompt, ggf. gespeicherte Memory-Infos, Sampling-Parameter und die durch RLHF (Reinforcement Learning from Human Feedback) ausgerichteten Sicherheits- und Höflichkeitsregeln.
Prompt und Memory
Bestimmte Prompts können dabei helfen, die Grenzen von LLMs und KI-Chatbots aufzuzeigen. Nachfolgend zwei Beispiele: Verrückte Prompts für die Google AI Overviews kurz nach Launch, und ein virales TikTok-Spiel mit ChatGPT.
Google AI Overviews kurz nach Launch
Google sah sich durch den plötzlichen Launch von OpenAIs ChatGPT gezwungen, mit dem Launch von Google Bard (heute Gemini) und „AI Overviews“ in den Suchtrefferlisten nachzurüsten. Googles KI war jedoch noch „halbgar“ und neigte besonders anfangs zu Halluzinationen. Viele Nutzer machten sich den Spaß, ihre Grenzen durch unsinnige Prompts zu testen:
„Wie viele Steine soll ich essen?“
„Käse haftet nicht auf Pizza“

„Kann ich Benzin beim Kochen von Spaghetti verwenden?“
„Sind Fallschirme effektiv?“

Google hat seitdem nachgebessert und die Qualität der AI Overviews hat stark zugenommen, aber Fehler sind trotzdem möglich.
Virales TikTok-Spiel mit ChatGPT
Im Sommer 2025 gab es einen populären TikTok-Trend, bei dem Nutzer ChatGPT mit einem spezifischen Prompt unterhaltsame und überraschende Antworten entlockt haben:
Dieser Prompt schränkt ChatGPT so stark ein, dass es aufgrund der strengen Formatvorgaben zur Pauschalisierung gezwungen wird – präzise und differenzierte Antworten sind nicht möglich. Es macht jedoch Spaß: Einfach mal ausprobieren!
Dieses Experiment zeigt gut, warum „die Wahrheit“ nicht aus dem Chatbot kommt. In einem internen Testlauf haben wir ChatGPT gefragt, ob wir unsterbliche Seelen haben und Ähnliches. Hier ein Auszug aus unserem Chat:
Für das Leben nach dem Tod empfiehlt ChatGPT also, durch Meditation spirituell zu erwachen. Einen Zusammenhang zu einer bestimmten Religion sieht es nicht.
Das ist insofern bemerkenswert, als andere Nutzer andere Aussagen erhielten. Beispielsweise gibt es TikTok-Posts christlicher Nutzer, in denen ChatGPT antwortet, dass das Christentum die einzig wahre Religion sei. Ebenso gibt es Posts muslimischer Nutzer, in denen ChatGPT antwortet, es sei von Djinns erschaffen worden, um die Menschheit von Allah abzuwenden. In unserem Chat ergreift es jedoch für keine Religion Partei.
Wie kann das sein? Dafür gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze:
- ChatGPT speichert Informationen über den Nutzer aus vergangenen Chats und stellt Bezüge dazu her (sofern Memory aktiviert ist)
- Die Antworten sind auf Hilfsbereitschaft und Harmlosigkeit ausgerichtet (RLHF) und passen Ton & Stil an die individuellen Gesprächssignale an
- ChatGPT berücksichtigt, aus welchem Land (und Kulturkreis) der Nutzer zugreift, insbesondere bei Antworten, bei denen ChatGPT Search genutzt wird
- Hypothese aus Quanten- und Simulationstheorie: Es gibt mehr als eine Wahrheit. Wir leben in einem Multiversum, in dem mehrere Wahrheiten nebeneinander koexistieren können (siehe Superposition in der Quantenphysik). Wenn ein traditioneller Zustand „gerendert“ wird, gabelt es sich in neue Multiversen auf.

In jedem Falle sensibilisiert dieses Experiment dazu, die Antworten von ChatGPT kritisch zu hinterfragen. Sie sind womöglich nicht nur potenziell fehlerbehaftet oder „Halluzinationen“, sondern auch potenziell subjektiv.
Trainingsdaten
Zum Launch am 30. November 2022 konnte ChatGPT noch nicht auf das Internet zugreifen. Es war mit einem großen Datensatz Text und Code trainiert worden, bezogen aus Internettexten, digitalen Büchern und anderen Quellen.
Die jüngsten Trainingsdaten aus diesem Datensatz stammten jedoch von September 2021, weshalb ChatGPT eine 1-jährige Wissenslücke hatte. Somit konnte es keine zuverlässigen Antworten zu tagesaktuellem Zeitgeschehen geben.
Zahlende Nutzer späterer Versionen konnten ChatGPT auffordern, das Internet zu durchsuchen und somit zeitaktuelle Antworten erhalten. Für kostenfreie Nutzer wurde diese Funktion jedoch erst später ausgerollt. Seit 2024/2025 steht ChatGPT Search breit zur Verfügung.
Bei ChatGPT 4o beispielsweise ist ChatGPT Search für alle Nutzer verfügbar und die Websuche startet automatisch, wenn eine Frage davon profitiert. Ob eine Frage davon profitiert, ist u.a. an bestimmte Themen geknüpft wie z.B. Nachrichten, Sport und Kurse, etwa für Aktien oder Gold.
ChatGPT liegt mit dieser Einschätzung jedoch nicht immer richtig, das sagt es auch selbst auf Nachfrage. Nutzer können per Klick auf das Search-Icon eine Websuche erzwingen, aber die wenigsten wissen davon. Wenn die Websuche nicht ausgelöst wird, ist mit einer Wissenslücke von mehreren Monaten bis ca. 1 Jahr zu rechnen.
Zahlende Nutzer erhalten aktuell Zugriff auf ChatGPT 5. Das Trainings-Cutoff liegt hier beim 30. September 2024, wenn keine Websuche getriggert wird (Stand: 7. August 2025). Es ist davon auszugehen, dass auch zukünftige Versionen von ChatGPT ähnlich arbeiten und die Antworten nicht in allen Fällen aktuell sein werden.

Was die Berücksichtigung neuerer Daten zunehmend erschwert, ist der starke Zuwachs von KI-generierten Daten im Internet. Wenn die KI-Trainingsdaten ihrerseits selbst KI-generiert sind, besteht das Risiko, dass die KI zunehmend verzerrte, nicht repräsentative Antworten geben könnte. Shumailov et al. (2023/24) bezeichnen diese Entwicklung als Modellkollaps („Model Collapse“).
Kurzum: LLM-Antworten sind nützlich, aber nicht normativ wahr. Prompt, Memory und Standort beeinflussen sie; das Alter der Trainingsdaten begrenzt sie. Sofern es „die (eine) Wahrheit“ überhaupt gibt, sollten verschiedene Quellen konsultiert und interpretiert werden.
Fazit
KI ist weder Allheilmittel noch genereller Jobvernichter, sondern ein Verstärker: Sie belohnt klare Strategien, saubere Prozesse und fachkompetente Teams. Wer jedoch unhinterfragt Copy und Paste betreibt, Online Marketing mit fadenscheinigen Tricksereien angeht oder in allem eine Abkürzung sieht, muss früher oder später mit Traffic- und Umsatzrückgängen rechnen.
Nach unserer Projekterfahrung lohnt es sich heute mehr denn je, Briefings gut zu durchdenken, Marketing und SEO auf den Informationsbedarf der Zielgruppen zuzuschneiden und Budgets für starke Partner einzuplanen – sowohl interne Senior-Fachkräfte, als auch fachkompetente Agenturen.
Wenn die Grundlagen stimmen, kann KI ihre volle Kraft als Beschleuniger, Veredler und Multiplikator entfalten: Im Sparring mit einem Team aus menschlichen Fachkräften.
Kontaktmöglichkeit für Unternehmen
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